Tod vor der Schule
Shownotes
Was passiert, wenn ein ganz normaler Morgen plötzlich völlig aus dem Gleichgewicht gerät?
In dieser Folge nimmt Florian D. Weber euch mit in einen Einsatz am frühen Morgen: Ein Familienvater ist in der Nacht zu Hause verstorben. Seine 14-jährige Tochter ist diejenige, die ihn findet – oder vielmehr bemerkt, dass etwas nicht stimmt.
Gemeinsam mit seinem Kollegen begleitet Flo die Familie in den ersten Stunden nach dem Tod. Es geht um Schuldgefühle, um die Frage, ob man etwas hätte verhindern können – und um eine Entscheidung, die selbst die Einsatzkräfte noch lange beschäftigt: Sollten die beiden Kinder an diesem Morgen in die Schule gehen oder nicht?
🔍 Themen dieser Folge 👉 Ein häuslicher Todesfall am frühen Morgen 👉 Wenn Kinder plötzlich mit dem Tod eines Elternteils konfrontiert werden 👉 Die Frage nach Schuld und Verantwortung 👉 Warum „Hinterher ist man immer schlauer“ so belastend sein kann 👉 Schule und Alltag direkt nach einem Todesfall – helfen oder überfordern? 👉 Wie Krisenintervention Familien in den ersten Stunden begleitet 👉 Warum es in solchen Situationen oft keine perfekten Antworten gibt
🎙️ Host Florian D. Weber – Moderator, Entertainer und seit über 15 Jahren ehrenamtlich in der Krisenintervention und Suizidprävention tätig. Mit „Und plötzlich: Krise“ gibt er Einblicke in Situationen, die sonst verborgen bleiben – und spricht mit Menschen, deren Geschichten bewegen.
⚠️ Inhaltsinformation Diese Folge thematisiert einen plötzlichen Todesfall innerhalb einer Familie und kann emotional belastend sein.
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📅 Veröffentlichung Neue Folgen erscheinen alle zwei Wochen, freitags um 7 Uhr.
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Transkript anzeigen
00:00:01: Gefasst.
00:00:01: ein bisschen genervt schaut Lara an diesem Morgen auf ihr Handy.
00:00:04: Eigentlich hat sie noch mehr als eine Stunde Zeit bis der Wecker für die Schule klingelt, aber es hilft nichts – Sie muss zur Toilette!
00:00:12: Also steht sie auf, verlässt ihr Zimmer und läuft in Richtung Badezimmer.
00:00:17: Als sie die Tür öffnen will geht das nicht.
00:00:20: Sie lässt sich zwar einen Spalt weit öffnenden jedoch nicht weiter….
00:00:26: Jetzt spätestens ist Lara richtig genervt.
00:00:30: Sie geht wieder in ihr Zimmer, um zu warten bis die Person, die das Badezimmer blockiert, fertig ist.
00:00:36: Als jedoch auch nach einer ganzen Weile nichts passiert macht Lara sich erneut auf den Weg.
00:00:41: Die Türe lässt sich wieder nicht öffnen.
00:00:43: Lara klopft und ruft Doch eine Antwort bekommt sie nicht.
00:00:55: Hallo und ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Unplötzlich Krise.
00:00:59: Heute sitze ich hier wieder ohne Gast.
00:01:01: Ich nehme euch nämlich wieder mit in einen der Einsätze, die mir sehr präsent im Gedächtnis geblieben sind.
00:01:07: Ich bin im heutigen Einsatz zusammen mit meinem Kollegen bei einer Familie und das ganze sehr früh morgens.
00:01:13: Was genau passiert ist, welche Fragen und Themen uns auch beschäftigt haben, das führt ihr in der heutigen Folge.
00:01:19: Deshalb wünsche ich euch an dieser Stelle hier ganz viel Spaß beim Hören.
00:01:32: Und plötzlich Krise.
00:01:41: Es gibt Einsätze die reisen mich komplett aus dem Schlaf wenn sie nachts per Handy Alarm ankommen und oft sind es dann auch die Einsätze, die schwer fallen.
00:01:49: Ich muss mich dann erstmal orientieren, überlegen wer und wo ich bin.
00:01:53: Ich muss überlegen was am nächsten Tag ansteht, wann muss sich wo sein?
00:01:57: Und dann muss ich häufig binnen weniger Minuten entscheiden ob ich gerade den Deinsatz machen kann oder ob es eben auch nicht geht.
00:02:05: Diesmal war das aber anders.
00:02:07: Es ist kurz nach halb fünf morgens als der Alarm ankommt.
00:02:10: um fünf Uhr wäre ich ohnehin aufgestanden so dass diese zwanzig dreißig Minuten jetzt an dieser Stelle nicht groß ins Gewicht gefallen sind.
00:02:18: Ich war außerdem geistig sofort anwesend und konnte mir die Meldung auf meinem Handy sofort durchlesen.
00:02:23: Häuslicher Todesfall, drei Personen zu betreuen.
00:02:28: Also habe ich meinen Status auf Grün gesetzt – ich kann den Einsatz machen!
00:02:32: Von mir zu Hause bis zur Einsatzstelle in einem Freiburger Stadtteil dauert es mit dem Fahrrad etwa zehn Minuten.
00:02:38: Gedanklich rechne ich das alles schon mal durch….
00:02:40: Ich muss mich jetzt kurz anziehen, meine Zähne putzen Schuhe an und los.
00:02:44: Also kann ich so mit Anfahrtszeit in etwa zwanzig Minuten vor Ort sein.
00:02:49: Meistens kann ich an der Stelle auch ehrlich sagen verrechnen nicht bei diesen Kalkulationen und halte mich so in der Vorbereitung für wesentlich schneller als ich bin.
00:02:57: Die Zeit versuche dann meist auf dem Fahrrad irgendwie wieder rauszuholen und zwar gar nicht weil es eine wahnsinnig große Rolle spielen würde aber weil ich gerne meinen eigenen Zeitplan einhalten möchte.
00:03:07: Aber die Frage ist ja, warum mache ich mir überhaupt Gedanken darum?
00:03:10: Wäre die Zeit nicht besser investiert wenn ich meine Gedanken auf das konzentrieren würde was ich zu tun habe anstatt erstmal zu rechnen wie lang ich wohl dafür brauche.
00:03:20: Und es hat aber einen ganz guten Grund denn das hängt damit zusammen dass sich weiß dass die Einsatzkoordinatorin die an diesem morgen Dienst hat mich gleich anrufen wird einerseits um ihr alle Infos zu geben die sie hat andererseits aber natürlich auch um zu fragen wie lange ich etwa brauche bis ich vor Ort bin.
00:03:37: Und diese Information spielt aus zwei Gründen eine wirklich wichtige Rolle.
00:03:41: Erstens wird genau diese Rückmeldung nämlich an die Leitstelle und auch an die Einsatzkräfte vor Ort weitergegeben, damit sie zumindest ganz ungefähr wissen wann Sie mit uns rechnen können.
00:03:52: Das ist für die eine durchaus wichtige Information weil die Einsatzkrafte vor Ort ja die Zwischenzeit noch überbrücken das heißt die überbrückten die Zeit bis wir kommen.
00:04:02: Und zweitens geht diese Info natürlich auch an meine Teampartnerin oder an meinen Team-Partner, denn auch das hat wichtige Folgen.
00:04:09: Wenn ich zum Beispiel nur zwanzig Minuten zum Einsatzort brauche, mein Kollege oder meine Kollegin aber sechzig Minuten.
00:04:16: dann müssen wir uns nämlich zum Beispiel entscheiden ob es Sinn ergibt dass sich den Einsatz schon einmal alleine beginne und die andere Person danach kommt.
00:04:24: Und auch das hängt dann wiederum von verschiedenen Faktoren ab.
00:04:27: Beispielsweise, wie viele Menschen sind denn vor Ort zu betreuen?
00:04:30: Also ist es was, was ich überhaupt alleine starten kann und da sind es viel zu viele Personen?
00:04:35: Dann so etwas wie Ist es so dringend dass es Sinn ergibt den Einsatz schon zu beginnen?
00:04:40: Und natürlich auch die Frage traue ich mir das überhaupt zu!
00:04:43: einen Einsatz alleine zu starten, denn auch das habe ich ja schon in der Vergangenheit erzählt.
00:04:48: Wir können nicht planen wie so ein Einsatz abläuft und ich werde hier in Zukunft sicherlich von Einsätzen erzählen die eine ganz spannende Dynamik hatten die beispielsweise nicht allein zu händeln gewesen wären Und all das sind Fragen, die wir gemeinsam im Team und mit der Einsatzkoalition besprechen.
00:05:05: Denn es wäre ja beispielsweise auch eine Möglichkeit, dass ich an der Einsatzstelle auf das Eintreff eines Kollegen oder meiner Kollegin warte!
00:05:12: In den allermeisten Fällen machen wir das nämlich genauso.
00:05:16: In der Regel – auch das habe ich schon gesagt – machen wir unsere Einsätze gemeinsam und nur wenn's wirklich driftige Gründe gibt kann man sich überlegen ob man das anders handhabt Und in diesem Fall gab es dafür aber gar keinen Grund.
00:05:28: Mein Kollege Patrick, mit dem ich in diesen Einsatz gehe wohnt noch etwas dichter an der Einsatzstelle als ich – er braucht keine fünf Minuten mit dem Fahrrad und wird also wahrscheinlich sogar vor mir da sein!
00:05:38: Und entsprechend beschließen wir dass wir uns an diesem Morgen direkt an der Einsatzstelle treffen und gemeinsam starten….
00:05:45: Unser Einsatzort liegt dann mitten in einem Wohngebiet.
00:05:48: Jedes dort liegende Mehrfamilienhaus hat so einen kleinen Vorgarten und das Haus, zu dem wir müssen ist schnell ausgemacht Denn Notarzt- und Rettungsdienst stehen noch vor Ort.
00:05:58: Die Warnblinklichter bei der Fahrzeuge sind an Und natürlich passiert dann auch hier, was in solchen Situationen häufig nicht ausbleibt.
00:06:05: Die Anwesenheit des Rettungsdienstes zieht die Aufmerksamkeit der ersten Nachbarn, Spaziergänge mit Hunden und Pendleraufsicht, die um diese Zeit schon unterwegs sind.
00:06:15: Patrick wartet an diesem Morgen vor Ort auf mich und ich stelle mein Fahrrad neben seinen, schließe ab und wir stimmen uns noch mal kurz ab.
00:06:22: Dann sind wir gemeinsam ins Haus gegangen!
00:06:25: Wir mussten in den ersten Stock und sind dort bereits erwartet worden.
00:06:29: Wie fast immer haben wir auch an diesem Tag und in diesem Einsatz nochmal vom Anwesenden Notarzt die relevanten Informationen bekommen.
00:06:37: Er erzählt uns, dass es sich um einen Familienvater Ende vierzig handelt.
00:06:41: Er habe gestern Abend Beschwerden gehabt.
00:06:43: der Rettungsdienst war am Vorabend schon einmal bei der Familie.
00:06:46: Der Vater hat dann aber einen Transport in die Klinik jedoch abgelehnt.
00:06:50: Das wollte er nicht Und in der Nacht muss er dann wohl irgendwann zur Toilette gegangen und dort verstorben sein.
00:06:56: Mit der Reanimation wurde nicht mehr begonnen.
00:06:59: Da Herr Keitel, wie ich ihn für diese Folge nenne bereits eindeutige Sicher- Todeszeichen aufwies und vielleicht machen wir an dieser Stelle mal ganz kurz den Exkurs für diejenigen, die sich noch nie damit beschäftigt haben weil man sicher durchaus die Frage stellen kann ja warum reanimiert der Rettungsdienst denn nicht mehr wenn da jemand offensichtlich mit Herzkreislaufstillstand liegt?
00:07:20: Und es ist so, dass wenn ein Mensch stirbt dann gibt's sogenannte sichere Todeszeichen die ganz klar darauf hindeuten das eine Person wirklich bereits tot und ihre Animation nicht mehr möglich ist.
00:07:30: Das sind also körperliche Veränderungen die ohne jeden Zweifel belegen dass die entsprechende Person tot ist Und da gibt es ganz verschiedene und das können unter anderem seinen Toten flecken.
00:07:42: Das sind so Flecken, die entstehen wenn die Schwerkraft dafür sorgt dass das Blut im Körper nach unten sagt also an die tiefstliegende Stelle und die treten dann eben an genau diesen tiefst liegenden Stellen im Körper auf und sind meistens so rot violett.
00:07:55: Dann gibt es, davon haben die meisten von euch wahrscheinlich schon einmal gehört.
00:07:59: Die Leichenstarre und diese Starre ist auch ein sicheres Todeszeichen.
00:08:04: Das ist aber ganz interessant zu wissen beginnt allerdings deutlich später.
00:08:07: Totenflecken, die treten häufig schon so nach zwanzig bis dreißig Minuten auf während die leichen Starre erst nach zwei bis vier Stunden anfängt einzusetzen.
00:08:16: Es gibt außerdem auch das ist ein sicheres Todeszeichen Feulnis oder Verwesung.
00:08:21: Es gibt die sogenannten mit dem Leben nichts zu vereinbaren Verletzungen,
00:08:26: d.h.,
00:08:26: es sind Verletzung, die einfach wirklich einen Weiterleben unmöglich machen beispielsweise schwerste Verletzon von Organen und es gibt zugutaletzt den Hirntod.
00:08:38: Und bei Herrn Keitel hatte an diesem Morgen die Leichenstarre schon eingesetzt und war wie der Notarzt uns mitteilte nahezu vollständig ausgeprägt Und es war wohl offensichtlich auch schon beim Anruf der Einsatz zwei an diesem Morgen der Fall und das werden wir im Verlauf des Einsatzes auch noch erfahren.
00:08:55: Der Notarzt hat uns dann einen letzten Hinweis gegeben, und zwar wenn wir zu Betreuen haben.
00:08:59: vor Ort waren nämlich die Ehefrau und zwei Kinder – die Kinder im Alter von zwölf und vierzehn Jahren und die vierzeinjährige Tochter, die war wohl auch diejenige, die ihren Vater in den frühen Morgenstunden gefunden.
00:09:12: Das waren genug Informationen für uns, sodass wir unseren Einsatz beginnen konnten.
00:09:17: Und nachdem wir uns vorgestellt hatten, saßen wir dann gemeinsam mit Frau Keitel und den beiden Kindern Lara und Ben in der Küche.
00:09:24: Die Stimmung war in diesem Einsatz erstaunlich ruhig!
00:09:28: Trauer und Traurigkeit waren natürlich absolut spürbar aber es war jetzt nicht besonders ausgeprägt – ich hatte das in anderen Einsätzen schon deutlich greifbarer erlebt….
00:09:39: Also habe ich mir wie so oft erst mal erzählen lassen, was überhaupt passiert ist.
00:09:44: Und es war Lara die Tochter der Familie, die sofort begonnen hatte zu erzählen.
00:09:49: Sie wollte morgens mehr als eine Stunde bevor sie eigentlich aufstehen musste zur Toilette.
00:09:54: Als sie die Türe öffnen wollte, war diese allerdings blockiert.
00:09:58: Ohne weiter darüber nachzudenken und wie sie selber gesagt hat zu halb Schlaf trinken, ist sie wieder in ihr Zimmer gegangen.
00:10:05: Sie war davon ausgegangen, dass die Toilette gerade noch durch irgendjemand anderen belegt ist der zwar nicht abgeschlossen von innen aber halt dann gegen die Tür gehalten hatte.
00:10:14: Es muss dann etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten später gewesen sein als Lara erneut versucht hat die Tür zu öffnen.
00:10:21: Nachdem das wieder nicht funktioniert hat, hat sie geklopft gerufen und nachgefragt was los sei?
00:10:27: Keine Reaktion!
00:10:30: Auch beim zweiten Mal gab es keinerlei Reaktionen.
00:10:34: Lara hat die Tür allerdings auch nicht weit genug aufbekommen, als dass sie hätte erkennen können was im Badezimmer los ist.
00:10:41: Also ist sie dann ins Schlafzimmer ihrer Eltern gegangen um diese zu wecken.
00:10:45: Dort war allerdings nur ihre Mutter welche sie dann geweckt hat.
00:10:50: und an dieser Stelle hat Frau Keitel weiter erzählt Sie sei verwundert gewesen warum Lara an diesem Morgen viel zu früh bei ihr im Zimmer steht um sie zu weggen.
00:11:00: Ganz kurz hat sie wohl gedacht, die Kinder machen sich schon auf den Weg in die Schule und sie habe vollkommen verschlafen.
00:11:06: Ihr seid an diesem Morgen jedoch dann schnell klar geworden dass etwas nicht stimmt denn ihr Mann lag nicht neben ihr im Bett und Lara steht mitten in ihrem Zimmer um sie zu wecken.
00:11:16: Frau Keitel ist dann an diesem morgen sofort aufgestanden.
00:11:20: Sie hat uns erzählt ich war sofort hellwach.
00:11:22: Ich hab gewusst das jetzt hier irgendwas nicht stimmt.
00:11:27: Als ihr Lara von der Situation mit der Badezimmertüre erzählt hat, haben sie schon geahnt, dass etwas Schlimmes passiert ist.
00:11:34: Frau Keitel heißt Lara in dem Moment direkt den Rettungsdienst zu alarmieren, während sie selbst versucht die Badezemmertüre zu öffnen – doch auch sie wird diese Türe nicht aufbekommen!
00:11:45: Als Lara dem Disponenten der integrierten Leitstelle in Freiburg die Situation schildert, möchte dieser die beiden anleiten eine Line-Reanimation durchzuführen….
00:11:53: Doch das gelingt nicht, da sieht die Badezimmertür einfach nicht aufbekommen.
00:11:58: Den beiden bleibt nichts anderes übrig als zu warten bis der Rettungsdienst eintrifft.
00:12:04: Die waren schnell da!
00:12:05: Ich glaube es hat keine fünfzehn Minuten gedauert", erzählt uns Frau Keitel.
00:12:09: Aber es hat sich angefühlt, als wären sie zu Fuß gekommen.
00:12:14: Irgendwann fragt mein Kollege Patrick Ben den Sohn der Familie ob er auch etwas mit bekommen habe?
00:12:21: Der sagt, dass er erst aufgewacht sei als die vier Personen vom Rettungsdienst hier reingelaufen sind.
00:12:26: Vorher hat er nichts mitbekommen und auch er war in seinen Erzählungen erstaunlich ruhig!
00:12:33: Nicht das es jetzt so klingt, als würde ich das irgendwie verurteilen... Es war für mich nur sehr ungewöhnlich.
00:12:40: Ich habe zunächst dann nochmal nachgefragt ob der Rettungstienst noch irgendwas tun konnte.
00:12:45: Das hat Frau Keitel aber sofort verneint.
00:12:48: Sie erzählt uns Wie mühsam und irgendwie auch brutal der Rettungsdienst erst mal versuchen musste, diese Tür aufzumachen und sie dann letztlich aufgedrückt hat um überhaupt ins Badezimmer zu kommen.
00:13:00: Warum das so schwer war?
00:13:01: Das ist dann wiederum schnell klar geworden!
00:13:05: Herr Keitel hatte sich wohl in der Nacht aus welchen Gründen auch immer auf den vorderen Rand des geschlossenen Toilettendeckels gesetzt und es irgendwann wohl vorneüber gekippt sodass er unmittelbar hinter der Tür auf dem Boden lag.
00:13:19: Und als der Rettungsdienst sich endlich Zutritt verschafft hatte, war dann sofort klar das für Herrn Keitel jede Hilfe zu spät kam.
00:13:26: Sein Körper zeigte bereits sichere Todeszeichen so dass der Rrettungsdienste nichts mehr für ihn tun konnte.
00:13:33: Mich hatte nachdem die Familie uns den kompletten Hergang erzählt hatte immer noch beschäftigt, dass alle drei so für mein Gefühl erstaunlich ruhig waren.
00:13:42: also habe ich damals nachgefragt Haben sie damit gerechnet?
00:13:46: Dass sowas passiert?
00:13:49: Und an dieser Stelle war es wieder Frau Keitel, die sofort das Wort ergriffen hatte und sofort mit einem ganz klaren Ja geantwortet hat.
00:13:57: Die ganze Familie hat uns dann erzählt dass er gestern Abend schon starke Schmerzen im Rücken und in der Brust hatte.
00:14:03: Er hatte wohl offensichtlich richtig Probleme Luft zu bekommen!
00:14:06: Die ganze familie hat lange und immer und immer wieder auf ihn eingeredet, dass er zum Arzt muss – doch das wollte er nicht.
00:14:13: Auch das Alarmieren des Rettungsdienstes hat er mehrfach und nach Druck abgelehnt….
00:14:19: Und irgendwann hat sich Frau Keitel am Abend aber dann doch darüber hinweggesetzt und den Rettungsdienst alarmiert.
00:14:25: Zunächst kam nur ein Rettungswagen, die Besatzung hatte aufgrund der Symptome jedoch wohl sofort eine Notarzt nachalarmiert – und alle haben wohl auch Herrn Keitel eingeredet.
00:14:37: und der Notarst hat ihm wohl sogar ausdrücklich gesagt dass es sich um einen wirklich akuten Notfallhandel, der dringend weiter untersucht werden müsse!
00:14:46: Und er hat Herrn Keitel wohl auch gesagt, dass er einen tödlichen Verlauf nicht ausschließen kann wenn er sich weigert ins Krankenhaus zu gehen.
00:14:55: Angeblich ging es Herrn Keitl zu diesem Zeitpunkt aber wohl nach eigener Aussage schon deutlich besser als zum Zeitpunkt der Alarmierung.
00:15:03: Ob das wirklich so war oder ob es nur gesagt hat weiß ich nicht.
00:15:06: Hat Frau Keitel uns dann damals gesagt?
00:15:08: Wahrscheinlich hat er nur so getan, wenn man das Ergebnis jetzt zieht.
00:15:13: Niemand hat es geschafft Herrn Keitel davon zu überzeugen, die Symptome ärztlich abklären zu lassen und so musste der Rettungsdienst tatsächlich unverrichteter oder mehr- oder weniger unver richteter Dinge wieder abrücken.
00:15:25: Der Notarzt am Vorabend habe noch zur Frau Keitel gesagt sie solle unbedingt wieder anrufen wenn sich der Zustand verschlechtert.
00:15:33: Dazu kam es aber leider nicht mehr bzw.
00:15:36: dann erst am nächsten Morgen.
00:15:39: Es war Ben, der dann wiederum erzählt hatte das sein Vater nie zum Arzt gehen wollte.
00:15:44: Egal was war er ist niemals zum Arz gegangen.
00:15:46: da konnte ihn auch niemand dazu bringen.
00:15:50: Wir alle haben irgendwie damit gerechnet dass es irgendwann so endet.
00:15:54: erzählen sie uns Er war ein Sturkopf.
00:15:57: wenn er nicht wollte wollte er nicht.
00:16:00: Aber dass es jetzt so schnell geht damit haben Sie leider dann doch nicht gerechnet.
00:16:05: Und natürlich sprechen wir irgendwann im Laufe des Einsatzes auch über die Frage der Schuld, denn natürlich fällt irgendwann der Satz Wir hätten ihn gestern Abend einfach in die Klinik bringen sollen ob er will oder nicht.
00:16:17: Vielleicht wäre er dann jetzt noch am Leben und was sollen wir in unserer Funktion darauf antworten?
00:16:24: Ja es stimmt vielleicht wäre er noch am leben aber auch das muss man ehrlich sagen wir wissen's nicht sicher.
00:16:32: Und ja, mit dem Wissen von diesem Morgen wäre es definitiv die richtige Entscheidung gewesen ihn mit im Rettungsdienst in die Klinik zu bringen.
00:16:39: Ohne jeden Zweifel!
00:16:41: Aber das ist genau das was ich an dieser Was-Währe-Wenn Frage so frustrierend und auch so schwierig finde.
00:16:48: An diesem Morgen In diesem Einsatz schauen wir mit einem ganz anderen Wissen auf diese Situation.
00:16:54: Wir wissen dass Herr Keitel in der Nacht leider verstorben ist Und an dieser Stelle neigen wir dann dazu aus meiner Sicht den klassischen Rückschauffehler zu machen.
00:17:03: Das bedeutet, wir schauen mit dem Wissen von heute zurück auf eine Situation in der wird dieses Wissen noch nicht hatten!
00:17:10: Mein Vater sagt interessanterweise immer hinterher ist man immer schlauer und genau das meine ich auch in dieser Situation – hinterher isst man schlauer.
00:17:19: Mit dem Wissen von diesem Morgen, dass Herr Keitel in der Nacht stirbt, hätte man die Entscheidung am Vortag definitiv anders gefällt.
00:17:27: Aber – und auch das muss man eben einfach ehrlich sagen – dieses Wissen hatte niemand!
00:17:33: Wäre Herr Keitl in dieser Nacht nicht verstorben?
00:17:36: Hätte sich am nächsten Morgen vermutlich niemand gefragt, ob man ihn doch hätte zwingen sollen, in ein Krankenhaus zu fahren….
00:17:44: Irgendwann im Laufe unseres Gesprächs mit der Familie hat der Sohn die Frage aufgeworfen, ob er denn nun trotzdem in die Schule dürfe.
00:17:52: Ich kann nicht mehr ganz genau sagen wie spät zu diesem Zeitpunkt war aber wahrscheinlich war das dann so Viertel nach sieben halb acht und Frau Keitel hatte sowohl Ben als auch Lara dann sofort erklärt dass sie ihnen für den heutigen Tag eine Entschuldigung schreiben würde und dass sie nicht zur Schule mussten.
00:18:07: Interessanterweise wollten die beiden allerdings keine Entschuligungen sondern beide wollten zur Schule gehen Und mein Eindruck, wenn ich heute nochmal so darüber nachdenke ist, dass Frau Keitel davon selbst etwas überrascht war.
00:18:21: Sie hat die Frage nämlich dann direkt an meinen Kollegen Patrick weitergegeben und gefragt ob das denn geht?
00:18:27: Und auch das ist natürlich eine sehr spannende Frage!
00:18:29: Patrick hat daraufhin sehr ausführlich erklärt, dass es natürlich in so einem Fall vollkommen in Ordnung wäre zu Hause zu bleiben – dass es aber eben auch in Ordnungen ist, in die Schule zu gehen, wenn die beiden das möchten….
00:18:42: Es gibt jetzt keine Verpflichtung an einem solchen Tag zwingend zu Hause bleiben.
00:18:47: Wir haben dann mit den drei in die verschiedenen Optionen durchgesprochen, denn selbstverständlich gibt es ja nicht nur schwarz-weiß und nicht nur jahrenein sondern es gibt auch ganz viele Zwischenmöglichkeiten beispielsweise die Schule wieder zu verlassen wenn sie feststellen dass Sie den Schultag doch nicht durchhalten können oder mit Lehrerinnen und Lehrern zu sprechen bevor sie in die Schule fahren.
00:19:07: Und tatsächlich weiß ich heute überhaupt nicht, ob Lara und Ben damals den ganzen Tag in der Schule geblieben sind.
00:19:12: Ich weiß auch nicht, Ob sie in den Folgetagen immer in der Schule waren und ob und wie ausführlich Sie mit ihren Klassenkameradinnen und Freundinnen über das gesprochen haben was an dem Morgen und am Tag und in der Nacht zuvor passiert ist.
00:19:27: Ich weiss aber dass sich an dem tag zumindest beide entschieden hatten zunächst mal in die schule zu gehen.
00:19:34: Für uns ist dieser Einsatz dann an diesem Morgen um kurz vor acht zu Ende gegangen und zwar noch bevor und Lara das Haus verlassen hatten, haben wir es verlassen.
00:19:44: Es war in diesem Morgen richtig spürbar wie die Familie mehr und mehr in ihren gewöhnlichen Tagesrhythmus gefunden hatte Sachen packen für die Schule Frühstück einpacken und dann irgendwann losgehen.
00:19:54: Und wir haben richtig gemerkt wie wir in diesem Ablauf keinen wertvollen Beitrag mehr leisten können und wie wir ihn sogar wahrscheinlich eher stören Und darum hatten wir uns dann damals entschieden, uns von der Familie zu verabschieden.
00:20:08: Patrick und ich haben uns an diesem Morgen entschieden noch gemeinsam bei einem Bäcker auf dem Heimweg einen Kaffee trinken zu gehen.
00:20:15: Interessanterweise liegt dieser Bäcker ein unmittelbarer Nähe zur Schule in die Bennen und Lara gleich gehen würden.
00:20:21: An diesem Morgen kamen ganz viele Schülerinnen und Schüler bei genau diesem Bäcker vorbei.
00:20:26: Wir haben diese Zeit für unsere Einsatznachbesprechung genutzt um uns viel darüber unterhalten ob wir wohl auch in die Schule hätten gehen wollen oder nicht.
00:20:36: Auf eine abschließende Antwort sind wir aber natürlich nicht gekommen, es hängt nämlich von so vielen unterschiedlichen Faktoren ab und das könnt ihr wahrscheinlich alle nachvollziehen wenn ihr das jetzt hört.
00:20:46: Manche von euch sagen wahrscheinlich spinnen die.
00:20:48: wie unverantwortlich ist das denn die beiden Jugendlichen da in die schule gehen zu lassen?
00:20:52: Das geht ja gar nicht!
00:20:54: Manche denken aber wahrscheinlich auch eher wie wir, die gesagt haben, dass sie beiden das vor allem für sich selbst entscheiden müssen und auf sich selbst hören müssen.
00:21:02: Ob Sie sich das zutrauen oder ob Sie glauben, dass es Ihnen gut tut!
00:21:05: Und wieder andere sind der absolut festen Überzeugung, dass genau diese Ablenkung und genau dieser Alltag, diese Routine, das Richtige ist.
00:21:15: Es ist – wie es halt häufig in diesen Situationen ist – keine pauschale Antwort darauf, Für Ben, Lara und Frau Keitel war es in dieser Situation das genau richtige.
00:21:27: Zumindest zunächst!
00:21:29: Für jemand anderen ist es das aber möglicherweise nicht – beides ist in Ordnung.
00:21:34: Ein Patentrezept für den Umgang mit schweren belastenden Situationen gibt's deshalb leider auch in dieser Folge nicht….
00:21:41: Aber ich kann schon mal spoilern ….
00:21:42: Das wirds niemals geben….
00:21:45: Aber lasst mich doch an der Stelle gerne mal wissen, wie ihr das seht.
00:21:47: Wärt Ihr zur Arbeit oder zur Schule gegangen?
00:21:50: Oder eher nicht?
00:21:50: und Wie wird Ihr mit dieser Situation von Frau Keitel umgegangen?
00:21:54: Schickt man seine Kinder in die Schule?
00:21:57: Oder verbietet man es ihnen vielleicht?
00:21:58: Schreibt es super gerne mal in die Kommentare!
00:22:01: Oder schreibt auch gerne eine Nachricht bei Insta.
00:22:04: Ich darf mich für die heutige Folge bei euch bedanken dass ihr wieder hier reingehört habt Dass ihr mich in diesen Einsatz am frühen Morgen begleitet habt.
00:22:11: Und wenn ihr das noch nicht gemacht habt, dann lasst doch gerne mal noch eine Bewertung da.
00:22:15: Das hilft enorm diesen Podcast bekannter zu machen und noch weiter zu streuen!
00:22:19: Und ansonsten freue ich mich, wenn ihr auch in zwei Wochen wieder hier rein hört.
00:22:23: bis dahin machts gut.
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