Weniger tun - mehr helfen
Shownotes
Was macht einen Menschen in einer Krise wirklich hilfreich?
Im März 2026 durfte ich im Rahmen eines TEDx Talks über meine Erfahrungen aus mehr als 15 Jahren Krisenintervention sprechen. Dieser Vortrag trägt den Titel „Weniger tun, mehr helfen“ – und genau darum geht es auch in dieser Folge.
Anhand zweier bewegender Einsätze erzähle ich, warum wir Krisen oft mit Lösungen begegnen wollen, weshalb uns Schweigen so schwerfällt und warum echtes Zuhören manchmal mehr bewirken kann als jedes gut gemeinte Wort.
🔍 Themen dieser Folge 👉 Mein TEDx Talk „Weniger tun, mehr helfen“ 👉 Zwei prägende Einsätze aus der Krisenintervention 👉 Warum wir in Krisen oft das Gefühl haben, etwas sagen zu müssen 👉 Zuhören statt Ratschläge geben 👉 Warum Präsenz keine passive Handlung ist 👉 Was wir von Momo über Krisenbegleitung lernen können 👉 Wie jede und jeder Menschen in Krisen begleiten kann 👉 Warum wir oft hilfreicher sind, als wir glauben
🎙️ Host Florian D. Weber – Moderator, Entertainer und seit über 15 Jahren ehrenamtlich in der Krisenintervention und Suizidprävention tätig.
Mit „Und plötzlich: Krise“ gibt er Einblicke in Situationen, die sonst verborgen bleiben – und spricht mit Menschen, deren Geschichten bewegen.
⚠️ Inhaltsinformation Diese Folge thematisiert tödliche Verkehrsunfälle, Suizid, das Überbringen von Todesnachrichten sowie Trauer und kann emotional belastend sein.
Solltest du Unterstützung benötigen, findest du anonyme und kostenlose Hilfe bei der Telefonseelsorge:
📞 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 💬 https://www.telefonseelsorge.de/
Weitere Hilfe:
➡️ Arbeitskreis Leben Freiburg: https://akl-freiburg.de/ ➡️ Arbeitskreise Leben BW: https://www.ak-leben.de/
📅 Veröffentlichung Neue Folgen erscheinen alle zwei Wochen, freitags um 7 Uhr.
🔗 Folge dem Podcast 🎧 Spotify, Apple Podcasts & überall, wo es Podcasts gibt 📸 Instagram: @und.ploetzlich_krise
Zum Talk bei YouTube Das Live-Video vom Talk im Konzerthaus Freiburg findet ihr hier: https://www.youtube.com/watch?v=Tcyx8dgPOJA&t=124s
Transkript anzeigen
00:00:03: Hallo und ganz herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Und Plötzlich Krise.
00:00:06: Schön, dass ihr auch heute wieder mit dabei seid!
00:00:09: Ihr habt es vielleicht schon gemerkt.
00:00:10: Heute gab's zum Einstieg keine kurze Intro-Geschichte und heute nehme ich euch auch nicht mit in einen ganz konkreten Einsatz, sondern... Ich nehm' euch mit auf die Bühne!
00:00:20: Im März, im Jahr ist es zu Ende des Jahres.
00:00:21: In der Krisenintervention habe ich die Chance bekommen über meinen Ehrenamt im Rahmen eines TEDx Talks zu sprechen.
00:00:29: Dieser Talk ist jetzt veröffentlicht und verfügbar und deshalb nutze ich die Gelegenheit hier im Podcast, euch diesen Talk zu zeigen.
00:00:36: Ihr hört gleich nämlich den Livemitschnitt meines Talks weniger tun, mehr helfen.
00:00:42: In diesem Talk geht es nämlich genau darum warum wir alle oft das Gefühl haben irgendwas tun zu müssen, warum wir mit menschlichen Krisen oft überfordert sind und was wir stattdessen tun können um wirklich hilfreich zu sein.
00:00:55: Ich wünsche euch jetzt ganz viel Spaß bei der heutigen Folge von Und plötzlich Krise.
00:01:28: Es war ein super schöner Sommerabend hier bei Freiburg auf einer ziemlich beliebten Motorradstrecke hier im Umland Und an dem Tag waren auch zwei Freunde gemeinsam mit ihren Motorrädern unterwegs und sie waren schon den ganzen Tag gemeinsam unterwegs.
00:01:42: Und ehrlicherweise waren Sie auch fast schon zu Hause, bis der eine von beiden nach rechts von der Fahrbahn abkam und gegen ein Verkehrsschild geprahlt ist.
00:01:53: Es war tatsächlich ein einzelnes schmales allein stehendes Verkehrsschild.
00:01:59: Der Motorradfahrer ist aber in der Stelle verstorben.
00:02:04: Ich war in dem Abend zuerst mit dem Kriseninterventionsteam an der Unfallstelle im Einsatz.
00:02:09: Und wenig später stand ich dann in einem Wohnzimmer, neben mir eine Polizistin und ein Polizista.
00:02:18: Und uns gegenüber einer Ehefrau und zwei Kinder.
00:02:23: Die drei haben am Abend eigentlich darauf gewartet dass der Ehemann und Vater wieder nach Hause kommt.
00:02:31: Und die Polizei hat ihnen gesagt das ist am Nachmittag zu einem tödlichen Verkehrsunfall kam und dass der Ehemann und Vater nicht mehr nach Hause kommen wird.
00:02:43: Und ich kann euch sagen, das ist der Moment in dem hört so ein Raum aufzuatmen.
00:02:54: An dieser Stelle in diesem Wohnzimmer zu stehen – das ist wahrscheinlich was, das können sich die Allerwenigsten und wollen sich die allerwenigste Menschen vorstellen.
00:03:02: Freunde, denen ich davon erzähle meine Familie aber wahrscheinlich auch ganz viele hier im Raum.
00:03:08: Wenn wir uns das vorstellen dann stellen wir uns ganz häufig sofort diese eine Frage, Scheiße!
00:03:14: Was würde ich denn in so einer Situation sagen?
00:03:18: Ich bin hauptberuflich Moderator und als Moderator ist es quasi mein Job immer die richtigen Worte zu finden.
00:03:26: Aber ich kann euch sagen Es gibt Situationen, in denen findet auch ich nicht mehr die richtige Worte und in denen fällt's mir schwer weiterzuwissen Und zwar immer wenn wir Menschen von Krisen erzählen Trennung Job weg, totales Chaos.
00:03:45: Und noch während die Person erzählt stehe ich ganz häufig da und denke ach du scheiße Flo sag jetzt bloß nichts Dummes?
00:03:54: Und ganz häufig sagen wir in solchen Situationen dann so Sachen hey wenn ich dir irgendwie helfen kann was übersetzt eigentlich meistens bedeutet Ich habe absolut keine Ahnung wie aber ich mein es total gut.
00:04:07: Wir alle haben in diesen situationen das Gefühl Was sagen zu müssen und dass ist genau der Grund warum mir ganz viele Freunde und Verwandte, wenn sie hören, dass ich Krisenintervention mache immer wieder sagen, boah das was du machst, das könnte ich nicht.
00:04:21: Ich wüsste überhaupt nicht, was ich sagen
00:04:23: soll.".
00:04:25: Und genau an der Stelle beginnt eigentlich mein Thema.
00:04:30: Ich glaube es ist eine der größten Ängste die wir im Umgang mit Krisen haben.
00:04:34: Dass wir in so einer Situation stehen und irgendwas Falsches sagen oder noch schlimmer, dass wir überhaupt nichts sagen und dadurch alles noch viel viel schlimmer machen.
00:04:46: Und das hat überhaupt gar nichts damit zu tun, dass wir zu wenig wissen.
00:04:50: Sondern damit, dass wird es Gefühl haben, dass Wir mehr Wissen müssten in solchen Situationen und Es gilt nicht nur in diesen ganz großen Krisen wie ich sie gerade eingangs beschrieben habe mit diesem verkehrsunfall sondern Das erleben wir auch in diesen ganzen fast alltäglichen krisen.
00:05:05: Du sitzt bei deiner freundin am küchentisch und sie erzählt ihr aus heiterem himmel mein freund hat mich verlassen Oder du kommst morgens ins büro und du merkst schon Irgendwie ist die Stimmung anders.
00:05:18: Der Kollege kommt rein, zwei Sätze später ist klar der hat gerade seinen Arbeitsplatz verloren und sofort haben wir wieder dieses Gefühl.
00:05:25: Scheiße.
00:05:26: was sage ich jetzt?
00:05:27: Ich muss doch jetzt in dieser Situation irgendwas sagen!
00:05:31: Und es ist genau diese Annahme die uns unglaublich unter Druck setzt und die dazu führt dass wir dann Sätze sagen wie Kopf hoch wird schon wieder gibt auch noch andere Jobs oder du findest bestimmt schon etwas.
00:05:47: Und das alles hat überhaupt gar nichts mit fehlender Empathie zu tun.
00:05:52: Sondern eben genau damit, dass wir gelernt haben wenn jemand ein Problem hat dann sollten wir dieses Problem lösen.
00:05:58: und wenn wir es nicht lösen könnten Dann sollten wir wenigstens einen schlauen Ratschlag parat haben wie wir's vielleicht lösen können.
00:06:05: Und immer wenn wir genau diesen Ratschlag nicht haben dann stehen wir da und fühlen uns ganz häufig überfordert in diesen Situationen.
00:06:12: Wir fühlen sich ungeeignet Und so als könnten wir überhaupt nicht hilfreich sein.
00:06:18: Dabei reicht es in den allermeisten Situationen schon, da zu sein, zuzuhören und gar nichts zu versuchen irgendwas zu reparieren.
00:06:32: Das ist was mir selbst trotz jahrelanger Krisenintervention ganz lange schwer gefallen ist Denn dieses in Anführungszeichen Nichts tun fühlt sich total an, als wären wir fehl am Platz.
00:06:43: Als wären wir nicht hilfreich, als wüssten wir nicht weiter oder als wäre es uns vielleicht sogar egal.
00:06:49: Aber genau dieses Nichtstun ist in ganz vielen Situationen das Schwerste aber auch das Beste was wir tun können weil's eben nichts anderes bedeutet als diese Spannung auszuhalten die eigentlich kaum auszuhalten ist da zu bleiben Vielleicht zuzuhören, wenn jemand erzählen möchte.
00:07:11: Aber in jedem Fall nicht wegzugehen!
00:07:17: Ich war mit der Krisenintervention in einem ganz anderen Einsatz.
00:07:21: Wir waren bei zwei Eltern, deren Sohn sich das Leben genommen hatte Und die Eltern haben ihren Sohn im Badezimmer aufgefunden und wir saßen jetzt mit den Eltern im Wohnzimmer.
00:07:34: Natürlich haben wir immer wieder versucht Gesprächsangebote zu machen.
00:07:36: Wir haben natürlich beispielsweise gefragt Was geht Ihnen gerade durch den Kopf?
00:07:41: Wir haben gefragt, gibt es irgendwas was wir gerade für Sie tun können?
00:07:46: Aber in der Situation gab's für diese Eltern keine Fragen.
00:07:50: Es gab kaum Worten dieser Situation und sie haben natürlich alle unsere Fragen immer freundlich beantwortet und danach ist das Gespräch direkt wieder verstorben.
00:08:02: In dieser ganzen Zeit, in der wir da waren, immer und immer wieder nur eine einzige Bitte.
00:08:07: Bitte bleibt noch ein bisschen!
00:08:10: Also sind wir da geblieben, wir haben da gesessen, gewartet und geschwiegen.
00:08:18: Stundenlang, wirklich stundenlang!
00:08:22: Und irgendwann kam dann der Bestatter und hat den Sohn abgeholt.
00:08:26: und nachdem der Bestattter mit seiner Arbeit fertig war haben auch wir uns langsam verabschiedet und wir sind mit diesen beiden Eltern die Treppe nach unten aus dem Haus und wir waren schon raus aus der Tür und haben uns nochmal umgedreht um uns zu verabscheiden.
00:08:39: und in genau dem Moment sind uns beide Elternteile vor Dankbarkeit um den Hals gefallen.
00:08:48: Und ich werde nie vergessen, was die Frau in diesem Moment gesagt hat.
00:08:52: Die hat gesagt Ich wüsste nicht Was wir ohne sie gemacht hätten.
00:08:57: und ich stand da und war völlig irritiert weil ich dachte wir haben doch überhaupt nichts gemacht Wir saßen einfach nur da wir haben nichts gemacht.
00:09:09: und wie wertvoll das ist.
00:09:10: diese erkenntnis Die ist mir an ganz anderen stelle gekommen dass was mir selbst so lange schwer gefallen ist Das habe ich begriffen als sich als erwachsener noch mal mein lieblingskinderbuch gelesen hab.
00:09:21: Momo.
00:09:23: Momo hatte keine wahnsinnig guten Ratschläge parat.
00:09:26: Momo konnte auch überhaupt keine Probleme lösen und sie war nicht besonders klug, aber Michael Ende beschreibt eine ganz besondere Fähigkeit von Momo.
00:09:39: Sie konnte zuhören!
00:09:41: Momo konnte zuhören... Und als ich das als Erwachsener noch mal gelesen habe ist mir das wie Schuppen von den Augen gefallen weil ich dachte ja Das ist genau das, was ich in diesen ganzen Einsätzen, in der Krisenintervention immer und immer wieder erlebt habe.
00:09:54: Die Menschen bei Momo haben sich nicht verstanden gefühlt weil sie Probleme beim Momo Probleme lösen konnte.
00:10:00: Die haben sich verstandengefühlt, weil jemand da war!
00:10:04: Weil jemand nicht weggegangen ist, weil die jemand zugehört hat und die Spannung ausgehalten hat.
00:10:09: Weil jemand ehrliches aufrichtiges Interesse gezeigt hat und auch dann nicht gegangen ist als es für alle Beteiligten schwer war das auszuhalten.
00:10:19: Und nicht, weil sie Probleme lösen konnte!
00:10:21: Denn sind wir doch mal ganz ehrlich was möchte ich denn lösen?
00:10:25: Wenn uns eine Freundin erzählt mein Freund hat sich gerade von mir getrennt?
00:10:30: oder was möchte Ich lösen wenn meine Arbeitskollege gerade seinen Arbeitsplatz verloren hat?
00:10:37: oder Was möchte ich Lösen wenn ich in einem Wohnzimmer stehe In der ne Ehefrau und zwei Kinder Gerade erfahren haben dass der Mann bzw der Vater nicht mehr nach Hause kommt.
00:10:52: Einfach nur Dasein da bleiben, wenn es was gibt dann natürlich zuhören und nicht weggehen, nicht versuchen irgendwas zu reparieren.
00:11:01: Es klingt ehrlicherweise fast zu banal als dass das wahr sein könnte oder?
00:11:07: Die Wahrheit ist aber dieses Daseinn.
00:11:10: Das ist keine passive Handlung.
00:11:12: Daseins Arbeit, Zuhören ist Arbeit Präsenz ist Arbeit Aber... Und das ist die wirklich gute Nachricht daran Wir alle können das.
00:11:24: Wie wir heute hier zusammengekommen sind, können das und wir können es vor allen Dingen üben!
00:11:29: Wir dürfen darauf vertrauen dass wir genug sind, dass unsere Präsenz in solchen Situationen genug ist weil es eben bedeutet die Spannung auszuhalten näherzustellen ohne große Worte und gemeinsam durch genau so eine Zeit durchzugehen Wenn wir's schaffen.
00:11:52: und dabei spielt überhaupt keine Rolle über welche Art der Krise wir sprechen.
00:11:55: Es ist völlig egal, ob wir über die Trennung sprechen oder den Jobverlust oder tatsächlich über einen Todesfall sprechen.
00:12:02: Denn für die Person in dieser Krise ist diese Situation, die sie gerade erlebt, die jeweils schwerste, die Sie erleben kann.
00:12:11: und wenn wir darauf vertrauen dass wir genug sind dann können wir ganz schön viel bewirken Wenn wir es schaffen keine Angst zu haben vor Krisen Ihnen genau diesem Wohnzimmer zu stehen, wo eine Familie gerade die wahrscheinlich denkbar schlimmste Nachricht überbracht bekommen hat.
00:12:29: Die wir uns nur irgendwie vorstellen können.
00:12:31: Wenn wir davor keine Angst haben dann merken wir Wir können alle so viel mehr und zwar überhaupt gar nicht weil wir Expertinnen oder Experten sind Sondern weil wir Menschen sind Und vielleicht das genau dass Das wichtigste was wir füreinander sein können Das war er, das war der Live-Mitschnitt meines Talks weniger tun mehr helfen.
00:13:05: Dazu gibt es auch ein Video und wenn ihr euch jetzt den talk nicht nur anhören sondern auch anschauen wollt dann könnt ihr das bei youtube tun.
00:13:12: Den link dazu packe ich euch natürlich in die show notes Und wer aufmerksam zugehört hat dem ist wahrscheinlich aufgefallen dass sich von zwei ganz konkreten einsätzen erzähle.
00:13:22: und diese Einsätze Die werden in den nächsten wochen hier im podcast noch mal ausführlich thematisiert werden.
00:13:28: Wenn euch das also interessiert was hinter diesen Einsätzen steckt, wie sie abgelaufen sind und wie es den Beteiligten damit ergangen ist.
00:13:36: Dann hört unbedingt in den nächsten Wochen hier wieder rein!
00:13:39: Ich danke euch dass ihr diesen Podcast mit eurem Klick, mit euren Reihenhöhren unterstützt und ich freue mich natürlich wenn ihr auch in zwei Wochen wieder dabei seid.
00:13:47: dann gibt's nämlich die nächste Folge und ich sage bis dahin machts gut.
Neuer Kommentar